Erwecke mein Innerstes Excerpt

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Prolog

»Ich streite es gar nicht ab, Mutter. Clarissa ist eine wunderschöne Frau. Trotzdem werde ich nicht mit ihr ausgehen.«

Zev machte sich nicht die Mühe, den Ärger in seiner Stimme zu überspielen. Also wirklich, wie oft musste er seiner Familie noch sagen, dass er keinerlei Interesse an ihren arrangierten Dates hatte? Erschöpft lehnte er sich gegen den Rücken der Ledercouch und rieb sich die Augen. Er fand nur selten Schlaf, und wenn doch, blieb Zev wenigstens teilweise wachsam, aus Angst, seine Menschlichkeit zu verlieren, während er ohne Bewusstsein war. Das alles fiel ihm im Moment ohnehin schon schwer genug, und diese Einmischung war das Letzte, was er gebrauchen konnte.

Grandma Maes Stimme unterbrach seine Gedanken. Ihre Enttäuschung über Zev musste ein solches Ausmaß erreicht haben, dass sie ihn nur zu bereitwillig in Frage stellte — ihn, ihren Alpha, eine in ihrer Generation noch undenkbare Praxis. Dann wiederum war es vielleicht gar nicht Grandmas Enttäuschung: Womöglich mochten Zevs Bemühungen, sein Rudel in die Moderne zu führen, erfolgreicher gewesen sein, als es ihm bewusst gewesen war.

»Ich verstehe das nicht, Zev. Du bist dreißig. Dein Großvater und ich waren in diesem Alter bereits seit fast zehn Jahren verheiratet. Es ist weder natürlich noch gesund für unsere Art, allein zu bleiben.«

Als sei das sein Stichwort, mischte sich nun Grandpa Walter ins Gespräch. Hatten sie womöglich vorab Nummern gezogen, um festzulegen, in welcher Reihenfolge sie verbal auf Zev einprügeln würden? »Mir ist klar, dass du denkst, wir würden uns in deine Privatsphäre einmischen, aber jeder Gestaltwandler mit Augen im Kopf kann sehen, dass du Probleme hast, und der Grund ist eindeutig. Wir Gestaltwandler sind zutiefst sexuelle Wesen, aber die …« Walter hielt inne und schluckte hart, als bereite es ihm Schmerzen, den Satz fortzusetzen. »Die Frauen, die du für die Befriedigung deiner körperlichen Bedürfnisse benutzt hast, sind Halbseelen. Sie reichen nicht aus, um deine Menschlichkeit zu binden, vor allem nicht für so viele Jahre. Du bist ein starker Mann und ein starker Wolf, Zev, der stärkste, den ich in meinem Leben gesehen habe. Aber kein Gestaltwandler kann seine Natur verleugnen — nicht, dass ich verstehen würde, warum du es unbedingt versuchen musst. Was immer der Grund dafür ist, wenn du dich nicht bald an eine Gestaltwandlerin bindest, wird deine menschliche Seite verlorengehen.«

Glaubte seine Familie ernsthaft, dass Zev das alles noch nicht wusste? Ihr einziger Fehler lag darin, seine Stärke und Entschlossenheit zu unterschätzen. Wenngleich die Idee, dass er seine sexuellen Bedürfnisse mit Menschen befriedigte — Halbseelen, wie die Gestaltwandler sie nannten — seine Familie abstieß, waren sie offenbar überzeugt dass er diese Praxis zur Gewohnheit gemacht hatte. Wie sonst hätte er mit seiner menschlichen wie wölfischen Seite gleichermaßen unbeschadet leben können, und das drei Jahrzehnte lang? Sie konnten sich wohl nicht vorstellen, dass ein Gestaltwandler so lange lebte, ohne zumindest die ein oder andere physische Bindung einzugehen.

Nun, sie irrten sich. Zev hatte in seinem bisherigen Leben mit niemandem das Band geknüpft — weder Mensch noch Gestaltwandler —, mochte seine Familie ihm das nun glauben oder nicht. Aber wie lange konnte er das noch durchstehen? Es war mit jedem Mal schwieriger, nach dem Wandel zurückzukehren; der Wolf klammerte sich an seine Form und wollte nicht, dass der Mensch die Kontrolle übernahm. Und je länger der Wolf Zevs Körper beherrschte, desto unwahrscheinlicher würde es werden, dass der Mensch seinen Weg zurück an die Oberfläche finden konnte.

»Du brauchst es nicht zu leugnen, Zev. Wir wissen, was du getan hast, und wir verurteilen dich nicht dafür.«

Obwohl Zev an die Aufrichtigkeit seines Vaters glaubte, wusste er doch, dass diesem die Vorstellung Unbehagen bereitete, wie ein Gestaltwandler mit Menschen schlief. Der einzige Grund, warum sein Vater das akzeptierte, was er Zevs »Absonderlichkeiten« nannte, war der, dass das Etzgadol-Rudel stetig gewachsen war, seit Zev seine Ausbildung zum Alpha begonnen hatte — und umso mehr, seit er tatsächlich Alpha geworden war. Den gleichen Erfolg hatte Zev mit dem Familienunternehmen, das nun beträchtlichen jährlichen Umsatz generierte, mehr als doppelt so viel wie vor der Übernahme durch Zev.

»Nimm die Hände aus dem Gesicht und sieh uns an, Zev. Die Sache ist ernst. Du kannst so nicht weitermachen. Dein Körper wird das nicht überleben.« Gregory Hassicks Stimme klang belegt vor Sorge.

Zev ließ seine Hände seitwärts fallen und öffnete die Augen, wohlwissend, dass sie blutunterlaufen waren und dunkle Ringe hatten. Wann hatte er sich zuletzt wirklich ausgeruht? Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und kämpfte gegen den Drang, zu schreien. Seine Familie liebte ihn. Das wusste er. Und dieses Gespräch, wie unangebracht es auch sein mochte, war schlichtweg ein Zeichen dieser Liebe.

»Wie oft muss ich es noch erklären, Vater? Es ist nicht meine freie Entscheidung. Ich hasse es, allein zu sein. Und ich habe mit keiner einzigen Menschenfrau das Band geknüpft. Ich wünsche mir mehr als alles andere, meinen Gefährten zu finden.«

Lori rutschte auf der Couch näher zu ihm und nahm seine Hand. Seine starke Schwester war eine enorme Hilfe bei der neuen, egalitären Rudelstruktur, die Zev eingeführt hatte. Lori führte die weiblichen Rudelmitglieder durch ihr gutes Beispiel an, und alle bewunderten sie. Sie konnte sich nicht gegen die Älteren auflehnen, was vermutlich der Grund war, warum sie an dieser Familienversammlung überhaupt teilnahm. Doch ebenso wenig würde sie etwas gegen ihren Bruder sagen, darum blieb sie stumm und unterstützte Zev einfach mit ihren kleinen Gesten.

»Jeder will einen wahren Gefährten, Zev«, erklärte Gregory. »Aber nur wenige Gestaltwandler bekommen ihn. Der Rest von uns verliebt sich einfach und ist dann vollkommen zufrieden mit dem erwählten Partner. Deine Mutter und ich sind seit einem halben Leben glücklich miteinander, auch ohne das Band der Paarung. Bitte, es ist an der Zeit, kindische Phantasien aufzugeben und dein Schicksal anzunehmen. Du bist nicht mit einem wahren Gefährten gesegnet, aber du kannst dennoch ein erfülltes Leben haben. Geh einfach die Bindung mit Clarissa ein, oder irgendeinem anderen Weibchen im Rudel. Was kann es schaden, es wenigstens zu versuchen? Im besten Fall findest du diese wahre Gefährtin, von deren Existenz du so überzeugt bist, und im schlimmsten Fall hast du eine normale Partnerschaft und eine anständige Bindung.«

Zev konnte das Grollen in seinem Brustkorb nicht zurückhalten. Er war es leid, dass seine Familie sich immer wieder weigerte, die Existenz seines wahren Gefährten anzuerkennen, dass sie ihm in schier endloser Folge arrangierte Dates vorschlugen. Schon seit langem gaben seine Eltern gar nicht mehr vor, es ginge bei diesen Vorschlägen nur um Abendessen oder Kinobesuche. Ob seine Eltern gegenüber den entsprechenden Frauen auch Offenheit walten ließen, was die rein sexuelle Rolle betraf, die jene Damen in seinem Leben spielen sollten? Vermutlich nicht. Niemand außerhalb von Zevs Familie kannte die Wahrheit. Verdammt, selbst in seiner Familie wurde sie verleugnet, obwohl er sie seit Jahren offen aussprach.

»Clarissa ist nicht meine wahre Gefährtin. Und ich habe kein Interesse an ihrer Gesellschaft.« Er spuckte die Antwort förmlich aus, ließ aus seinem Tonfall die Abneigung gegen die bloße Idee jener Art von Gesellschaft sprechen.

»Warum nicht, Zev? Sind ihre Brüste zu klein? Ist ihr Hintern zu groß? Sprich einfach mit uns, und wir können dir helfen. Wenn die Weibchen in unserem Rudel dich nicht zufriedenstellen, werden wir eines in einem benachbarten finden, damit du die körperliche Bindung eingehen kannst.«

Er fuhr zusammen. Jetzt beteiligte sich auch seine andere Großmutter an dem Spiel. Hatte sich jemals ein anderer Mann einer Achtzigjährigen gegenübergesehen, die ihm eine Auswahl von Titten und Hintern anbot? Lieber Gott, bitte lass es aufhören.

»Ich bin schwul, Granny Betty. Bei Brüsten, egal welcher Art, vergeht mir die Lust, und auf Clarissas, öhm, Hintern habe ich noch nie geachtet.«

Die zierliche grauhaarige Frau riss die Hände hoch. »Unsereiner kann nicht schwul sein, Zev! So funktioniert es einfach nicht. Ein männlicher Gestaltwandler muss die Bindung mit einem weiblichen eingehen, um seine Menschlichkeit zu binden. Und das Weibchen muss die Bindung des Männlichen akzeptieren, damit es seinen Wolf befreien kann. Das ist grundlegendes Vorschulwissen, mein Lieber.«

Zev barg sein Gesicht in den auf seinen Knien aufgestützten Händen. Ja, er wusste nur zu gut Bescheid über die Variante von Bienen und Blumen, die für seinesgleichen galt. Die Seele eines jeden Gestaltwandlers barg zwei Körper: den Wolf und den Menschen. Frauen waren auf natürliche Weise mit ihrer menschlichen Seite verbunden, ihr Wolfsaspekt hingegen war tief verschlossen, unfähig, in Freiheit zu jagen. Männer hingegen konnten ihren Wolf von Kindheit an freilassen, doch die Verbindung mit ihrer Menschlichkeit war gefährlich dünn. Somit blieb männlichen Gestaltwandlern nur der Weg, die Bindung mit einem weiblichen einzugehen und ein Stück ihrer Menschlichkeit zu absorbieren. Umgekehrt war jede Gestaltwandlerin darauf angewiesen, ihren Wolf aus seinem Gefängnis zu befreien, wenn sie bei Verstand bleiben wollte, und das ging nur, wenn sie die Bindung eines Männchens annahm.

Also ja, Zev kannte die grundlegenden Fakten, doch er wehrte sich seit langem gegen den Gedanken, dass sie absolut sein sollten. Denn hätte er das geglaubt, hätte er glauben müssen, dass er selbst unnatürlich war, und das konnte nicht sein — schließlich war er mit dem kostbarsten Geschenk gesegnet worden, das die Natur einem Gestaltwandler anzubieten hatte: einem wahren Gefährten.

Natürlich hatte er seiner Familie gesagt, dass er sich bislang nicht gebunden hatte, weil er auf seinen wahren Gefährten wartete. Seinen wahren männlichen Gefährten. Seine Eltern waren schockiert gewesen, als er jene Worte zum ersten Mal an sie gerichtet hatte. Sein Vater hatte ihn so laut angeschrien, dass die Fenster förmlich gewackelt hatten, und seine Mutter hatte in der Küche gestanden und geweint. Als Zev sich dennoch weigerte, in der Angelegenheit klein beizugeben, wurde aus den Gefühlen seiner Eltern tiefe Abneigung gegenüber diesem Thema, und sie verboten ihm, es jemals wieder anzusprechen.

Nach mehreren Jahren ohne irgendwelche weiblichen Gestaltwandler in Zevs Leben begannen seine Eltern, sich Sorgen zu machen. Es war ihnen zu peinlich, anderen Leuten gegenüber zu erwähnen, was sie Zevs »Zustand« nannten, aber aus ihrer Ratlosigkeit heraus gaben sie irgendwann so weit nach, dass sie mit ihren eigenen Eltern sprachen. Alle vier von Zevs Großeltern bestanden darauf, dass sie von so etwas noch nie gehört hatten — und dass es nicht wahr sein konnte. Seither lebte Zevs Familie in einem unwilligen Zustand des Verleugnens und weigerte sich, auch nur in Betracht zu ziehen, dass Zev wirklich schwul sein konnte.

Im Wohnzimmer seiner Eltern zu sitzen und ihre Verkupplungsversuche abzuwehren ließ in Zev die Erkenntnis reifen, dass es auch Nachteile hatte, sein Rudel zu offener Meinungsäußerung ermutigt zu haben — jetzt musste er sich genau diese anhören. Vielleicht wäre es besser gewesen, er hätte alles beim Alten gelassen. Dann hätte es niemand gewagt — schon gar nicht ein Weibchen, selbst wenn es eine ältere Verwandte war —, auf so herablassende Weise mit dem Alpha zu sprechen.

Zev verwarf diesen Gedanken, kaum dass er in seinem Kopf auftauchte. Schließlich war er froh, dass seine Familie sich Gedanken machte, dass seine Großmutter genug Vertrauen empfand, um ihn in Frage zu stellen, und auch froh, dass ihm seine Rudelmitglieder insgesamt genug vertrauten, um offen über ihre Gefühle zu sprechen. Es machte das Rudel stärker, auch wenn es bedeutete, dass Zev diese emotional aufwühlende Einmischung seiner Familie ertragen musste. Er hob den Kopf und erwiderte den Blick seiner Großmutter.

»Ich werde mit niemandem die Bindung eingehen, wenn es nicht mein wahrer Gefährte ist. Ihr wisst, dass nur Gestaltwandler ohne einen wahren Gefährten ihren Lebenspartner frei wählen können. Ein Wolf mit wahrem Gefährten kann nur von diesem an seine Menschlichkeit gebunden werden. Es würde also gar nichts nützen, Sex mit Clarissa oder irgendeinem anderen Weibchen des Rudels zu haben. Und egal, was ihr darüber denkt, aber ich habe tatsächlich einen wahren Gefährten. Unsere Seelen sind im Herzen miteinander verbunden. Bei so etwas irrt sich ein Gestaltwandler nicht. Ich spüre dieses Band in mir, bis in mein Innerstes.«

Oh, zunächst hatte es Zev sehr verwirrt, natürlich. Seine Gefühle ergaben keinen Sinn im Hinblick auf alles, was er gelernt hatte. Aber kein Lehrbuchwissen — selbst jenes, das die grundlegenden Strukturen seiner Art erklärte — konnte gegen die eine, wichtigste Wahrheit bestehen, die sich durch Zevs Körper zog: Das Bewusstsein seines wahren Gefährten. Noch vor seinem zwanzigsten Lebensjahr hatte Zev akzeptiert, dass er schwul war, auch wenn es allem widersprach, was sein Rudel für natürlich oder überhaupt möglich hielt.

Hilfesuchend sah Zev zu Grandpa Hugh und Grandma Betty. Sie waren das einzige Paar wahrer Gefährten in der Familie — und eines der wenigen Paare wahrer Gefährten in der Geschichte ihres Rudels. Bestimmt verstanden sie die Kraft der Bindung. Sie war vollkommen. Zev konnte sein Bedürfnis nach der Bindung mit seinem wahren Gefährten ebenso wenig dadurch befriedigen, indem er es mit einem anderen Gestaltwandler einging, wie er sein Bedürfnis nach Atemluft hätte befriedigen können, indem er stattdessen Wasser atmete.

Hugh drückte Bettys Hand und blickte Zev verständnisvoll an. »Wenn du eine wahre Gefährtin hast, Zev, dann bist du ihr gegenüber verpflichtet. Sie braucht dich, um ihren Wolf zu befreien, oder sie wird ihren Verstand verlieren. Was, wenn du deine wahre Gefährtin im Stich lässt, Zev? Was, wenn du sie noch nicht gefunden hast, weil du dich den Weibchen gegenüber verschließt?«

Zev rollte mit den Augen, zu frustriert, um sich darüber Gedanken zu machen, was für eine unglaublich kindische und respektlose Geste das war. Er fragte sich oft, ob seine Familie ihm seine Homosexualität glauben würde, wenn er ihnen sagte, dass er schon längst die Identität seines wahren Gefährten kannte. Vielleicht würden sie dann seine Weigerung, mit weiblichen Wandlern zu schlafen, nicht länger als eine Art dickköpfiger Philosophie-Übung abschreiben.

Doch egal, wie sehr Zev seine Familie liebte und ihr vertraute — dieses Risiko würde er nicht eingehen. Niemand würde ihm glauben, wenn er Jonah als seinen Gefährten bekannt gab, und der Mensch würde als Bedrohung für die Rudelstruktur wahrgenommen werden. Die einfachste Möglichkeit, diese Bedrohung aus dem Weg zu räumen, würde es sein, den Eindringling zu eliminieren. Die grundlegenden Prinzipien der Gestaltwandler waren so tief in jedem von ihnen verwurzelt, beruhten so kompromisslos auf der Notwendigkeit männlicher Gestaltwandler, die Bindung mit weiblichen einzugehen, dass Zev wirklich fürchtete, seinem Gefährten könne etwas zustoßen, wenn das Rudel erfuhr, welcher Mann dazu bestimmt war, die Bindung mit seinem Alpha einzugehen.

Nein, Zev würde nicht die Sicherheit seines Gefährten riskieren. Der einzige Weg, Jonahs Rolle in seinem Leben anzuerkennen, bestand darin, zunächst mit ihm die Bindung einzugehen. Dann würde das Gefährtenversprechen vollkommen sein, und niemand würde ihre Beziehung noch in Frage stellen können — oder Zevs Sexualität.

»Wenn mein Gefährte sich hier irgendwo im Umkreis von zehn Meilen aufhalten würde, würden meine Sinne das wahrnehmen. Wahre Gefährten findet man nicht durch Blind Dates. Aber wenn es euch solche Sorgen bereitet, ich würde meinen wahren Gefährten vielleicht im Stich lassen, dann schlage ich euch einen Handel vor. Ich verspreche, ich werde mich treffen, mit wem auch immer ihr wollt, auf rein platonischer Ebene, nur um zu sehen, ob sie meine Gefährtin ist. Und im Gegenzug versprecht ihr, dass ihr — wenn ich meinen Gefährten finde und die Bindung eingehe — ihr das unter allen Umständen unterstützen werdet.«

Die Erleichterung seiner Eltern und Großeltern war nahezu greifbar. Alle sechs verkrampfte Körper um ihn herum entspannten sich, und Lächeln breiteten sich auf den Gesichtern aus. Seine Schwester drückte seine Hand und blinzelte ihm zu. Zev war sich sicher, dass sie die Identität seines wahren Gefährten beinahe so lange kannte wie er selbst, auch wenn keiner von ihnen das je laut ausgesprochen hatte.

»Natürlich werden wir das, mein Schatz. Eine Paarung ist eine Segnung.« Das hübsche Gesicht seiner Mutter strahlte.

»Umso mehr, wenn es für den Alpha ist, denn das enthüllt das Herz unseres Rudels«, setzte Grandpa Hugh mit einem sehnsüchtigen Gesichtsausdruck hinzu. Zev ahnte, dass der ältere Gestaltwandler sich an seine eigene Paarung erinnerte.

»Du und deine Gefährtin werden von uns und dem gesamten Rudel Unterstützung erfahren.« Der tiefe Bariton seines Vaters ließ keinerlei Raum für Debatten. Es war sicher und bestimmt. Ein Schwur.

Zev erhob sich vom Sofa, streckte seine gesamten zwei Meter und straffte seine Schultern. »Dann haben wir ein Abkommen. Ich gehe die Bindung mit meinem Gefährten ein, wenn es an der Zeit ist, und ihr werdet hinter uns stehen. Ganz gleich, wer sie …« — er blickte entschlossen in jedes einzelne Gesicht jener sieben Leute, die er in der Welt am meisten liebte, abgesehen natürlich von dem Mann, der sich nicht im Raum befand — » … oder er ist. Gute Nacht.«

Mit diesen Worten wandte Zev sich um und ging zur Haustür, wobei er das hinter ihm aufbrandende Knurren ignorierte. Sie hatten ihm ihr Wort gegeben, und es hätte unverzeihliche Schande über ihre Vorfahren gebracht, diesen Schwur zu brechen. Er wusste also bestimmt, dass seine Familie ihr Wort halten würde. Was den Rest des Rudels betraf, so war das eine Herausforderung, und eine möglicherweise nicht zu bewältigende — selbst für den gegenwärtigen Alpha und seine beiden Vorgänger gemeinsam.

Eine Bindung zwischen zwei Männchen drohte alles zu zersprengen, was das Rudel je über die Verbindung eines Weibchens zu ihrer menschlichen Seite und der eines Männchens zu seinem wölfischen Aspekt gelernt hatte. Und als ob der Gedanke zweier Männchen, die miteinander den Bund eingingen, noch nicht genug war, um umfassende Panik zu verbreiten — Jonah war nicht nur einfach ein Mann. Er war ein Mensch, eine Halbseele, kein Gestaltwandler. Und jeder wusste, dass ein Gestaltwandler keine Bindung mit einer Halbseele eingehen konnte.

Doch wenn die Zeit reif war, konnte das Rudel entweder zu Zev stehen oder sich ein neues Gebiet suchen. Das Etzgadol-Rudel gehörte seit zehn Generationen zur Hassick-Familie, und mit seinen Großeltern, seinen Eltern und seiner Schwester an seiner Seite hatte Zev die Gewissheit, dass er diese Tradition fortsetzen konnte. Selbst wenn es bedeutete, dass er ein ganz neues Rudel aufbauen musste. Und Zev wusste, wenn das der Preis dafür war, mit Jonah Marvel zusammen sein zu können, würde er ihn ohne zu zögern bezahlen. Er würde tun, was immer nötig war, um seinen wahren Gefährten zu beanspruchen und bei ihm bleiben zu können.

Zev verließ das Haus seiner Eltern und ging hinüber zu seinem Pick-Up, wo er den Kopf gegen die Tür lehnte, tief einatmete und kühlende Luft in seine Lungen pumpte. Es war ja gut und schön, sich ein weiteres Mal gegen seine Familie behauptet und sich ihre Unterstützung für seine zukünftige Paarung gesichert zu haben, aber das alles bedeutete nichts, wenn sein Gefährte nicht zurückkam und seinen Platz an Zevs Seite akzeptierte. Wenn Jonah nicht bald heimkehrte, wusste Zev nicht, ob es einen männlichen Hassick geben würde, der das Etzgadol-Rudel anführte.

Er blickte zum Himmel empor. Die Sterne dort waren wunderschön. Sie funkelten hoch über Zev, zeigten die Seelen jener, die vor ihm da gewesen waren. Komm zurück zu mir, Jonah. Unsere Seelen sind miteinander verflochten, und mein Körper kann es nicht mehr lang ohne seine andere Hälfte aushalten.

Zev spürte den Schmerz tief in seinen Knochen, das Bedürfnis, die Gestalt zu wechseln und zu rennen. Aber er drängte es zurück, dankbar dafür, dass seine menschliche Seite — zumindest in diesem Moment — noch immer ihren Willen durchsetzen konnte. Sein Wolf war es müde, auf seinen Menschen zu warten, bis dieser ihren Gefährten fand; darum wollte der Wolf die Kontrolle übernehmen, um Jonah finden und beanspruchen zu können. Aber ihr Gefährte war schon lange fort, zu weit, als dass man ihn hätte wittern können, und so standen die Chancen schlecht, dass der Wolf mit seiner Suche Erfolg hatte, bevor er stattdessen auf Jäger stieß oder vor Autos lief.

Wenn Zev seinen Gefährten nicht beanspruchte, würde es nicht mehr lang dauern, bis sein Mensch die Kontrolle über den Wolf nicht weiter aufrechterhalten konnte. Falls das geschah, würde die Befürchtung wahr werden, die seine Familie heute Nacht zu ihrer Einmischung getrieben hatte: Zevs menschliche Seite würde für immer verloren sein. Und ohne die Weisheit seines Menschen, die ihm Grenzen aufzeigte, würde Zevs Wolf vermutlich sein Leben bei dem Versuch lassen, seinen Gefährten zu finden.

Der schwarze Pick-Up rumpelte über die unbefestigte, steinige Straße, die sich zwischen den Bäumen hindurch schlängelte, und trug Zev fort von dem Heim seiner Kindheit, dem Eingreifen seiner Familie, hin zu dem Ort, den er seit über zehn Jahren sein Zuhause nannte. Es war unüblich, dass ein Gestaltwandler allein lebte. Seine Rudelgenossen waren im Bau ihrer Eltern geblieben, bis sie einen selbsterwählten Partner gefunden hatten, und dann hatten sie gemeinsam einen neuen Bau gegründet, worauf meist nach kurzer Zeit Welpen gefolgt waren. Aber Zev war aus dem Haus seiner Familie ausgezogen, sobald er achtzehn war, in der Hoffnung, dass ein wenig Abstand helfen konnte, seinen Frust darüber einzudämmen, wie seine Familie sich weigerte anzuerkennen, dass Zev möglicherweise einen männlichen Gefährten haben konnte.

Das Land des Etzgadol-Rudels umfasste mehrere tausend Morgen, die an einen staatlichen Forst grenzten. Der Wald war nicht nur ein Ort, an dem das Rudel frei jagen konnte, sondern beherbergte auch das Keramikunternehmen der Hassicks sowie die Wohnsitze ihrer direkten Nachkommen. Jedes Familienmitglied besaß die gleichen Rechte auf dieses Land, sodass niemand Zev daran hindern konnte, ein Stück davon zu beanspruchen und dort sein Haus zu bauen. Was seine Eltern hingegen sehr wohl konnten und auch taten, war, ihm den Geldhahn zuzudrehen.

Sie hatten seinen Wunsch nicht verstanden, allein zu leben. »Unnatürlich«, so nannten sie es. Es hätte mehr bedeuten können, wenn sie dieses Wort nicht auch zur Beschreibung seiner Gefühle verwendet hätten, als Zev ihnen gesagt hatte, dass er schwul war. Schließlich und endlich war sein wahrer Gefährte männlich, und was hätte es natürlicheres geben können als das Band der Paarung?

Auf jeden Fall hatten Zevs Eltern gehofft, ihn in ihrem Bau halten zu können, indem sie ihm finanzielle Unterstützung versagten, aber er hatte sein Zelt genommen, aufgebaut und in den Wäldern gelebt. Damals hatte er auch begonnen, im Familienunternehmen zu arbeiten, sich von dem ernährt, was der Wald ihm bot, und so gut wie jeden verdienten Dollar gespart, bis er auf der Bank genug besaß, um sich ein Haus zu bauen — das Zuhause, von dem er hoffte, es eines Tages mit seinem Gefährten teilen zu können.

Damals war Zev zu jung gewesen, um sich zu binden. Oh, er wäre körperlich in der Lage dazu gewesen, aber Gestaltwandler banden sich selten, bevor sie zwanzig geworden waren. Sein Wolf hätte es also zufrieden sein müssen, zu spielen und zu jagen, ganz wie seine Altersgenossen. Aber das genügte Zevs Wolf nicht, und seiner menschlichen Seite ebenso wenig. Tatsächlich hatte Zev keinen Frieden mehr gefühlt, seit er achtzehn Jahre alt war. Denn in jenem Jahr hatte er Jonah verloren.

Zev drehte das Radio auf und hoffte, dass ein wenig laute Musik ihm dabei helfen würde, wach zu bleiben. Sein Nacken fühlte sich wie Gummi an, und Zev rieb sich mit einer Hand über die müden Augen. Sein Körper schmerzte schon viel zu lange zu sehr, als dass er erholsamen Schlaf hätte finden können. Zum Teil lag das an dem tief sitzenden Schmerz, der Zev begleitet hatte, seit Jonah vor zwölf Jahren fortgegangen war, aber in der Hauptsache lag seine Ruhelosigkeit in seinem Wolf begründet, der in ihm auf- und ablief, verzweifelt einen Weg nach draußen suchend. Zev hatte sich seit drei Monaten keine Verwandlung mehr gestattet.

Noch nie zuvor hatte er seinen Wolf so lange von der Freiheit ferngehalten. In Wahrheit hatte Zev seine Gestalt häufiger und für längere Zeit gewechselt als andere. Seine Mutter prahlte, es komme daher, dass Zevs Wolf so machtvoll war. Und vielleicht stimmte das auch. Zevs Wolf war größer, stärker und sich seiner Umgebung intensiver bewusst als alle anderen Wölfe des Rudels.

Als Zev achtzehn wurde, hatte Gregory Hassick damit begonnen, ihn als vermutlich künftigen Alpha auf die Ratstreffen zwischen verschiedenen Rudel mitzunehmen. Es war ein Teil des Trainings, in dem Zev lernen sollte, was von ihm erwartet wurde, und um Beziehungen zu den Anführern anderer Rudel aufzubauen. Wann immer er jenen Anführern vorgestellt wurde, erkannten die Gestaltwandler die bemerkenswerte Stärke seines Wolfs. Einige wichen Zev aus, wenn sie ihn das erste Mal spürten, besorgt, er könne sie um die Kontrolle ihrer Rudel herausfordern. Aber es hatte nie lange gedauert, bis sie Zevs Fairness erkannten und einsahen, dass er keinerlei Wünsche hegte, ihnen zu nehmen, was ihnen gehörte. In der Konsequenz hatte er in den vergangenen zwölf Jahren einige gute Beziehungen mit benachbarten Rudeln aufgebaut, von denen auch schon sein eigenes Rudel und dessen Mitglieder profitiert hatten.

Aber die Stärke seines Wolfs war genau der Grund, warum Zev ihm nicht länger erlauben konnte, frei umherzustreifen. In Wahrheit war Zev sich nicht sicher genug, ob er diesen Teil seines Selbst wieder unter Kontrolle bringen konnte, wenn er ihn erst einmal freiließ. Das hatte ihn gezwungen, seinen starken Wolf einzuschließen. Seine Familie machte sich ganz zu Recht Sorgen um ihn. Drei Jahrzehnte ohne eine Bindung einzugehen, das war einfach zu lang für einen Gestaltwandler.

Er hatte nie damit gerechnet, dass seine Trennung von Jonah so lang dauern oder so schwierig sein würde. Als ihm am Abend des Abschieds bewusst geworden war, dass Jonah sein Gefährte war, hatte er geglaubt, sie würden nur für wenige Jahre voneinander getrennt sein und sich während dieser Zeit gegenseitig besuchen. Keine große Sache also.

Doch Zev hatte gröblich unterschätzt, wie sehr er seinen Freund vermissen würde. Er hatte unterschätzt, wie tief verwurzelt sein Bedürfnis sein würde, bei seinem Gefährten zu sein. Und, was das Schlimmste war, er hatte die Länge ihrer Trennung unterschätzt. Als Jonah in jenem Sommer vor zwölf Jahren fortgezogen war, hatte er ein Loch in Zev gerissen. Und langsam fragte sich Zev, ob Jonah jemals heimkehren würde, um diese Wunde wieder zu schließen.

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