Jesses Diner: Eine Hope-Geschichte Excerpt

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KAPITEL 1

„Tanner, Mike ist am Telefon und will dich sprechen.“

„Danke, Miranda.“ Ich setzte das Messer ab, mit dem ich den Broccoli in schmale Streifen geschnitten hatte, wischte mir die Hände an der Schürze ab und ging in mein kleines Büro neben der Küche, um das Gespräch dort anzunehmen. „Hi, Mikey.“

„Hey, Tanner. Störe ich dich gerade?“

„Nein.“ Ich ließ mich auf den abgenutzten Ledersessel fallen. „Der Mittagsandrang ist vorbei und bis zum Abendessen sind es noch ein paar Stunden.“

„Was gibt’s zum Abendessen?“

„Den Broccoli-Krautsalat von deinem Paps. Jared McFarland hatte dieses Jahr eine tolle Ernte und hat uns einen ganzen Schwung abgegeben.“

„Du benutzt noch immer die alten Rezepte von Paps, was? Du weißt, dass du das nicht tun musst.“ Er hielt inne und senkte die Stimme. „Auch, was seinen Namen angeht.“

Vor dreißig Jahren hatte Mikes Vater „Jesse’s Diner“ in unserem Städtchen Hope in Arizona eröffnet, und die Leute hatten sein Essen fast so sehr vergöttert wie sie Jesse selbst geliebt hatten. Für die Hälfte der Stadt, mich eingeschlossen, war Jesse eine Vaterfigur gewesen, und auch eineinhalb Jahre nach seinem Tod spürten wir noch alle schmerzlich seinen Verlust.

„Das hier wird immer ‚Jesse’s Diner‘ bleiben“, sagte ich bestimmt. „Ich passe nur für ihn darauf auf.“

„Er hat dir den Laden vermacht, Tanner. Ohne Bedingungen oder Vorgaben. Er wollte, dass du das Diner weiter betreibst, nicht, dass du es in ein Mausoleum verwandelst.“

Ich räusperte mich und rutschte nervös auf dem Sessel herum. Ich wusste nie, was ich antworten sollte, wenn das Thema darauf kam. Darauf, dass Mikes Vater sein Geschäft einem Angestellten vermacht hatte, und nicht seinem Sohn.

„Ich habe dir schon eine Million Mal gesagt, dass ich damit kein Problem habe. Paps wusste, dass ich niemals nach Hope zurückkehren würde, um das Diner zu übernehmen, und mein Dad verdient mehr als genug Geld, um mir das College zu finanzieren.“

Beides stimmte. Nach seinem Highschool-Abschluss war Mike fürs College nach Las Vegas gezogen und hatte kurz darauf die Stadt der Sünde zu seinem neuen Heim erklärt. Da Mike immer davon geträumt hatte, in einer Großstadt zu leben, war diese Entscheidung für seine Väter nicht überraschend gekommen. Eher waren sie dankbar, dass Mikes neue Heimat nur eine dreieinhalbstündige Autofahrt entfernt lag. Und obwohl das Diner für Jesse allein genug eingebracht hätte, war doch sein Lebensgefährte Steve Faus der hauptsächliche Brötchenverdiener der Familie gewesen.

„Werd jetzt bloß nicht schweigsam, Tanner. Die ganze Stadt weiß, dass du das Diner genauso liebst wie Paps es getan hat und freut sich, dass er es dir vermacht hat. Hör auf, dich deswegen schuldig zu fühlen und alles so zu tun, wie er es getan hätte. Er hätte gewollt, dass du ihm deinen eigenen Touch verleihst.“

„Ich, äh, ich … wir bringen die Quittung jetzt anders“, gab ich leise zu.

Nach einem kurzen Moment fragte Mike: „Ihr bringt die Quittung jetzt anders?“

„Ja. Erinnerst du dich an die schwarzen Plastiktabletts von früher?“ Ich presste die Lippen zusammen.

„Mhm.“

„Ich habe sie durch alte Bücher ersetzt.“

„Bücher?“

„Alte Bücher.“ Ich nickte, obwohl Mike mich nicht sehen konnte. „Ich habe ein paar Dutzend davon gebraucht gekauft. Jetzt legen wir die Quittung darein, bringen das Buch mitsamt einem Kugelschreiber zu dem Gast und ermutigen ihn, eine kleine Notiz reinzuschreiben. Alle haben unheimlich viel Spaß dabei, eigene Kommentare dazulassen und die der anderen Gäste zu lesen. Über die Jahre wird es nur besser werden, wenn sich die Seiten langsam füllen. Die Leute können nachsehen, was sie in jungen Jahren von sich gegeben haben. Die Kinder können sehen, was ihre Eltern hineingeschrieben haben, eines Tages vielleicht sogar ihre Großeltern.“

Ich liebe die Vorstellung, die Generationen so miteinander zu verbinden. Genau das hatte ich in meinem eigenen Leben immer vermisst, das Gefühl, Teil von etwas zu sein. In Hope zu leben half, weil die Stadt extrem zusammenhielt, aber ich war erst als Teenager hergekommen und hatte nie die Chance gehabt, dieselben Bande zu knüpfen wie andere.

„Das ist eine … charmante Idee. Typisch Hope.“

Ganz genau. „Danke.“

„Was hast du noch geplant?“

„Was meinst du?“ Ich biss die Zähne zusammen.

„Komm schon, Tanner. Ich kenne dich, seit du sechzehn bist. Dir schweben für das Diner doch noch andere Sachen vor.“

Ich beschloss, ihn absichtlich falsch zu verstehen und sagte: „Dein Paps war ein toller Koch. Seine Rezepte sind perfekt.“

„Ja, das war er.“ Mike seufzte wehmütig. „Und du kochst sie wirklich gut. Aber ich meinte das Diner selbst. Es wäre doch reine Verschwendung, wenn deine Leidenschaft für Einrichtungssendungen im Fernsehen so vergeudet würde.“

„Ich habe keine …“

„Sechs Jahre, Tanner. Wir sind seit sechs Jahren Freunde.“

Was bedeutete, dass er mich besser kannte als sonst wer. Ich war Mike das erste Mal in der Highschool begegnet, ein hagerer Elftklässler, der versuchte, ein paar Zwölftklässlern aus dem Weg zu gehen, die es auf ihn abgesehen hatten. Mike war ein riesiger Neuntklässler, der kein Problem damit hatte, sich meinen Peinigern entgegen zu stellen und die Sache zu beenden. Ich war gleichermaßen dankbar und überrascht gewesen. Dankbar, weil sich bis dahin niemals je für mich eingesetzt hatte. Überrascht, weil Mike mir beinahe beiläufig erzählte, dass er zwei Väter habe, und jeder, der ein Problem mit Schwulen habe, würde auch ein Problem mit ihm bekommen.

Ich wusste, dass ich schwul war, noch bevor ich ein Teenager wurde und die Tyrannen aus der Oberstufe hatten wahrscheinlich meine Homosexualität gewittert, und mich deshalb als Opfer ausgesucht. Bis dahin hatte es niemand je laut ausgesprochen. Ich reagierte damals auf Mikes Proklamierung mit derselben knieschlotternden, schamvollen Angst wie auf seine Feststellung jetzt, dass ich mir gerne Haushaltssendungen ansah.

„Schön. Ich mag Ein­richtungs­sen­dungen. Und?“, sagte ich abwehrend.

Zuzugeben, dass ich Fernsehsendungen mochte, die eigentlich an Frauen gerichtet waren, spielte in ein Klischee rein, das ich nicht erfüllen wollte und dem ich dennoch nicht entfliehen konnte. Mein Verhalten war zu feminin, meine Stimme zu sanft, und mein Körper zu unterentwickelt. Jesse hatte stets gesagt, dass alle Männer unterschiedlich aussahen und gebaut waren, und dass an meinem Aussehen nichts verkehrt war, aber mir fiel es schwer das zu glauben, wo ich mich zu Männern hingezogen fühlte, die mit großen, behaarten Körpern, tiefen Stimmen und kantigeren Zügen gesegnet waren. Und, nebenbei bemerkt, Jesse schien es ähnlich zu gehen, wenn man seinen Lebensgefährten in Betracht zog. Steve Faus war ein ehemaliger College-Football-Spieler, maß locker 1,95m und brachte knapp hundert Kilo auf die Waage. Bei unserer ersten Begegnung hätte ich um ein Haar meine Zunge verschluckt, und sechs Jahre später blieb meine Reaktion bei seinem Anblick beinahe genauso demütigend. Gott sei Dank hatte Steve meine Obsession bisher nicht bemerkt, oder er war zu höflich, um es anzusprechen.

„Und nichts“, sagte Mike. „Du kannst dir im Fernsehen ansehen, worauf auch immer du Bock hast. Ich wollte nur darauf hinweisen, dass das Diner seit mindestens dreißig Jahren nicht gestrichen wurde, und die Sitzbänke sind garantiert genauso alt. Tu gar nicht erst so, als würde es dich nicht nerven, dass die Polsterbezüge stellenweise mit Klebeband zusammengehalten werden. Auf dem Boden von dem kleinen Gästehaus, in dem du wohnst, könnte man gefahrlos eine Herz-Transplantation durchführen. Ich weiß, dass es dir in den Fingern juckt, das Diner aufzufrischen und will nur sagen, tu es einfach.“

Ich wand mich ein weiteres Mal, aber diesmal, weil Mike recht hatte – ich wollte diese Probleme beheben, und noch ein paar andere dazu. „Ich werde vielleicht ein paar Sachen angehen. Wir werden sehen, wieviel Geld am Ende des Jahres übrig bleibt.“ Und ob ich den Mut besitzen würde, die Erinnerung an Jesse fortzuwischen und den Laden wirklich zu übernehmen. „Wie dem auch sei, du hast mich wahrscheinlich nicht angerufen, um mir Einrichtungstipps zu geben. Was steht an?“

„Mein Schwanz steht“, sagte Mike und prustete einen Moment später los.

„Der Witz war schon nicht lustig, als du vierzehn warst, und in den letzten Jahren ist es nicht besser geworden“, erwiderte ich trocken.

„Ich finde ihn zum Todlachen.“

„Na, immerhin einer von uns.“

„Egal, Mann. Du bist viel zu verklemmt. Du musst flachgelegt werden.“

„Ich kann nicht glauben, dass Mädchen tatsächlich mit dir ausgehen, wo solche Sachen aus deinem Mund kommen.“

„Ich bin heiß.“ Er senkte die Stimme und fügte in einem eindeutigen Tonfall hinzu: „Außerdem gibt es noch andere Dinge, die ich mit meinem Mund wirklich gut kann. Naomi zum Beispiel, mit der ich grade ausgehe, geht fast die Decke hoch wenn ich…“

„Erzähl mir nichts aus deinem Sexleben, Mikey. Ich will es gar nicht wissen.“ Das entsprach der Wahrheit. Mike war wie ein Bruder für mich, und so hatte ich mich nie auch nur annähernd zu ihm hingezogen gefühlt. Oder vielleicht lag das daran, dass ich all meine Energie für meine ungesunde Obsession mit seinem Dad brauchte.

„Hey, Mann. Ich tu dir nur einen Gefallen. Wenn du schon selbst keine Nummern schiebst, dann kann es nicht schaden, von meinen zu hören.“

„Es könnte ja auch sein, dass ich jede Menge Sex habe und bloß zu sehr Gentleman bin, um darüber zu reden.“ Nichts als Lügen. Mein Liebesleben existierte praktisch nicht und mein Privatleben war eine ziemlich einsame Geschichte.

Mike schnaubte ungläubig.

Ich beschloss, die Sache nicht weiter zu forcieren, denn Mike hätte mir ohnehin nicht geglaubt. „Was willst du, Mikey?“

„Du musst mir einen Gefallen tun und nach meinem Dad sehen.“

„Deinem Dad?“, quietschte ich. Prima. Jetzt würde Mike entweder denken, dass ich meine Pubertät noch einmal durchlebte, oder meine unpassende Reaktion auf die Erwähnung seines Dad bemerken. Ich hoffte, dass er nicht genau zugehört hatte und räusperte mich. „Was, äh, ist denn mit deinem Dad?“

„Die Vizepräsidentin seiner Firma hat angerufen. Sie sagt, dass er völlig neben sich steht und hat ihn für eine Weile beurlaubt.“

Jesses Tod hatte uns alle unvorbereitet getroffen – Bauch­speich­eldrüsen­krebs, den die Ärzte erst entdeckt hatten, als Jesse bewusstlos im Krankenhaus lag. Zwei Tage später war er mit 58 Jahren verstorben.

„Er trauert um seinen Lebensgefährten. Natürlich steht er neben sich selbst“, sagte ich abwehrend. „Und übrigens ist es total unprofessionell, den Sohn wegen den Problemen des Vaters auf der Arbeit anzurufen.“

„Mein Dad arbeitet schon ewig für die und sie machen sich Sorgen. Seine Chefin und ich verstehen uns gut. Sie wusste nicht, wen sie sonst anrufen sollte.“

Als Mike noch hier zur Schule gegangen war, hatte ich mit Steve nicht so viel zu tun gehabt wie mit Jesse. Das lag zum Teil daran, dass Steve ständig beruflich vereiste – der Mann war ein unverbesserlicher Workaholic. Aber ich hatte Begegnungen auch bewusst vermieden, weil ich mich wegen meiner Reaktion auf ihn unwohl fühlte. Immerhin war es an Schäbigkeit kaum zu übertreffen, wenn man nicht nur nach dem Vater eines guten Freundes lechzte, sondern das Objekt der Begierde zudem auch noch der Lebensgefährte des Mannes war, der einen unter seine Fittiche genommen hatte. Aber jetzt, wo Mike weggezogen und Jesse gestorben war, lebte Steve allein. Wenn er nicht auf Reisen war, dann kam er öfters fürs Abendessen ins Diner und ich gab mir Mühe, ihn jedes Mal zu begrüßen und kurz mit ihm zu plaudern. Das bedeutete, dass ich Steve mittlerweile genug kannte, um zu wissen, wie sehr er seinen Job liebte.

„Wenn sie sich solche Sorgen machen, dann sollen sie doch mit ihm reden statt mit dir. Und dein Dad liebt seinen Job! Warum würden sie ihm das wegnehmen wo er doch schon …“ Ich brauchte den Satz nicht zu beenden, weil Mike genau wusste, was sein Dad verloren hatte. Die ganze Stadt trauerte um Jesse, aber nur Steve hatte jahrzehntelang sein Heim und Bett mit ihm geteilt. Ich konnte mir seinen Schmerz nicht einmal ansatzweise vorstellen.

„Mit mir zu streiten ändert nichts an der Situation, Tanner. Ich bin nicht sein Boss.“

Ich begriff, dass ich tatsächlich überreagiert hatte, atmete einmal tief durch und sagte: „Sorry.“

„Schon gut. Aber eine Firma schickt ihren besten Vertriebler mit Sicherheit nicht einfach auf die Ersatzbank und verliert so tonnenweise Geld, wenn nicht wirklich etwas schiefläuft. Ich habe Kurse und Tests, aber wenn du meinem Dad nicht helfen kannst, dann komme ich selbst nach Hope.“

„Natürlich helfe ich ihm“, schnappte ich zurück. Nach allem, was Jesse und Mike für mich getan hatten, hätte ich ihrer Familie niemals den Rücken zugewendet. Sogar, wenn dieses bestimmte Familienmitglied der Stoff vieler unangebrachter Fantasien und beschämender Träume war.

„Cool. Ruf mich an, wenn du bei ihm warst und erzähl mir, wie es ihm geht. Wenn er mich braucht, komme ich runter.“

Steve Faus zu begegnen bedeutete, dass ich vorher runterkommen musste. Soviel war klar. Innerlich ohrfeigte ich mich dafür, eins von Mikes schlechten Wortspielen benutzt zu haben. „Ich muss los, Mikey.“

„Bis dann, Tanner.“

Nachdem der allabendlichen Andrang im Diner vorbei war, nahm ich ein paar Styroporkartons und befüllte sie mit dem Tagesmenü sowie Broccoli-Krautsalat und einem Stück Schokoladenkuchen. Dann überließ ich den Laden in Mirandas und Joes fähigen Händen. Gegründet im späten 19. Jahrhundert, bestand Hope aus bunt gemischter alter und neuer Architektur, die sich auf kaum 20 Quadratkilometer erstreckte. Wie immer genoss ich den Spaziergang durch die Stadt. Auf dem Weg rief ich mir zur Sicherheit noch einmal ins Gedächtnis, dass ich mit der Sache einem Freund einen Gefallen tat, um dem Lebensgefährten meines Mentors zu helfen. Ganz sicher nicht würde ich einen heißen Kerl begaffen.

Unglücklicherweise reichten die 800 Meter Fußweg von der Hauptstraße zu Steves hellgrün gestrichenem, viktorianischen Haus nicht, um das zu erreichen, was sechs Jahre geistiger Vorhaltungen nicht hatten verinnerlichen können. Ich seufzte resigniert und rückte meinen Schwanz so zurecht, dass man meinen unweigerlichen Steifen hoffentlich nicht würde sehen können, hielt die Tüte mit dem Essen dann aus demselben Grund vor mich, und klingelte an der Tür.

Das Haus verfügte über zwei Stockwerke von ordentlicher Größe, also wartete ich geduldig darauf, dass Steve öffnete. Doch während die Minuten verstrichen begann ich mich zu fragen, ob Mike, was seinen Vater und die Beurlaubung von der Arbeit betraf, nicht falsch lag. Ich ging die Veranda entlang, die sich einmal ums Haus wand, und lugte durch die Fenster. Ich war nicht sicher, wonach ich suchte, doch wenn Steve Hilfe brauchte, wollte ich ihn nicht im Stich lassen. Alles wirkte so wie bei meinem letzten Besuch vor Jesses Tod. Die Lichter waren aus, keine Schuhe oder Jacken lagen herum, nichts, das irgendwie den Anschein erweckt hätte, dass jemand zuhause war.

Ich trat von der Veranda und ging ein paar Schritte rückwärts, um zu den Fenstern im ersten Stock sehen zu können. Durch die zugezogenen Vorhänge konnte ich nicht viel erkennen, aber das Licht im Schlafzimmer brannte und ich konnte vage eine Silhouette ausmachen. Wenn Steve zuhause war, warum machte er dann nicht auf? Schlagartig war ich besorgt. Vielleicht lag Mike mit seiner Einschätzung doch nicht falsch. Ich nahm einen tiefen Atemzug, machte die Schultern grade und marschierte die Stufen wieder hoch.

„Steve“, sagte ich laut genug, dass man mich hoffentlich durch die Holztür aber nicht die ganze Nachbarschaft hören konnte. „Ich bin’s, Tanner Sellers.“ Ich klingelte erneut und klopfte. „Ich hab was zum Abendessen mitgebracht.“ Nachdem ich noch eine Minute gewartet hatte, klopfte ich ein weiteres Mal. „Steve, ich weiß, dass du da drin bist. Kannst du aufmachen?“ Ich schluckte hart. „Bitte?“

Einen Augenblick später klickte das Schloss und die Tür wurde geöffnet. Dahinter kam ein zerzauster, aber noch immer fantastisch aussehender Steve Faus zum Vorschein. „Hi, Tanner.“ Er seufzte und fuhr sich mit den Fingern durch sein dichtes, schwarzes und momentan ungekämmtes Haar. „Entschuldige. Ich war geschäftlich am Telefon. Was ist los?“

Ein ganzer Batzen Gedanken sauste durch meinen Kopf.

Wie schaffst du es nur, immer so verdammt heiß auszusehen?

Ich weiß, dass du gerade von der Arbeit beurlaubt bist, also kann es nicht geschäftlich gewesen sein.

Kaust du auf deinen Lippen oder sind sie von Natur aus so voll?

Was ist auf der Arbeit passiert?

Kann ich an deinen Lippen kauen?

Trägst du unter der Jogginghose Unterwäsche?

Mike sorgt sich um dich.

Ich hoffe, du trägst keine Unterwäsche.

Gott sei Dank hatte ich was Mikes Dad betraf jahrelange Übung darin, meiner Gehirn-zu-Mund-Leitung Einhalt zu gebieten, und so schaffte ich es, bloß „Ich habe etwas zum Abendessen mitgebracht“ zu sagen und hielt die Tüte hoch.

„Abendessen?“

„Lasagne.“ Ich nickte bekräftigend. „War heute das Menü des Tages. Und Broccoli-Krautsalat.“

„Danke, aber ich habe grad wirklich viel mit der Arbeit …“

Ich wollte mich auf gar keinem Fall von ihm abweisen lassen. „Und Schokoladenkuchen. Du liebst Schokoladenkuchen.“ Was ich wusste, weil es an Mikes fünfzehnten Geburtstag Schokoladenkuchen gegeben hatte, und Steve nach dem ersten Bissen genussvoll die Augen geschlossen und lustvoll aufgestöhnt hatte, und ich um ein Haar in meine Hosen abgespritzt hatte.

„Schokoladenkuchen?“ Steves Blick zuckte zu der Tüte.

„Ja. Ich hab ihn heute Morgen gebacken, er ist noch frisch.“ Ich sah unauffällig an mir herab um sicherzustellen, dass die Tüte noch immer meinen Schritt verdeckte. Die bloße Erinnerung an seinen Gesichtsausdruck und das Stöhnen erregte mich auch fünf Jahre später noch. „Hast du Milch da? Ich hab vergessen, welche einzupacken, aber ich kann eben rüber zu Smitty’s laufen und…“

„Du brauchst nicht zum Laden gehen. Mein Kühlschrank mag zwar spärlich bestückt sein, aber das Notwendigste habe ich da.“ Steve griff nach der Tüte und machte einen Schritt zur Seite, damit ich eintreten konnte. „Das wären Chips mit Salz und Essig, Kaffee, und weil ich meinen Kaffee nicht schwarz trinken kann, Milch.“

Ich blinzelte überrascht, und vergaß über diese Aussage meine Sorgen wegen meines möglicherweise auffälligen Steifen. „Das kann doch für einen Mann von deiner Größe nicht genug sein.“ Bei meinen Worten zuckte ich innerlich zusammen, biss mir auf die Unterlippe und hoffte, die Hitze in meinen Wangen würde nicht sichtbar werden. „Dann ist es ja, äh, gut, dass ich was zum Abendessen vorbeigebracht habe.“

„Das war nett von dir.“ Steve legte seine Hand auf meinen Rücken und schob mich sanft vorwärts, dann schloss er die Tür.

Die Berührung war einfach, beiläufig und flüchtig, aber dennoch entfachte es ein Feuer in mir. Ohne Jesse, Mike oder sonst wem als Puffer in Steves Nähe zu sein, ließ mir keine Möglichkeit zur Flucht. Ich schloss die Augen, atmete tief durch und befahl mir, mich zu beruhigen. Was war schon dabei, wenn Steve Faus jedes einzelne meiner Knöpfchen bediente? Ich war 22, nicht 16, und ein heißer Kerl sollte mein Gehirn nicht derart zum Schmelzen bringen. Nicht einmal ein hochgewachsener Kerl mit einem muskulösen Körper, dichtem schwarzen Haar, stechenden blauen Augen und einer beruhigenden, tiefen Stimme.

Oh, wem wollte ich eigentlich etwas vormachen? Ich war verloren.

„Willst du in der Küche essen oder im Esszimmer?“, fragte Steve.

Im Schlafzimmer, dachte ich. Gott, ich war unverbesserlich. „Das ist mir egal. Wo es dir besser gefällt.“

„Ich habe in der letzten Zeit so viel gearbeitet, dass ich kaum hier war, aber wenn, dann habe ich auf der Couch gegessen oder über der Küchenspüle.“ Steve lächelte sanft, und sein Gesichtsausdruck war zugleich beschämt und herzerweichend. „Es wäre schön, sich mal wieder richtig zum Essen hinzusetzen.“

Mein Herz zog sich zusammen. „Also nehmen wir das Esszimmer.“

„Danke, Tanner.“

Ich nickte, meine Kehle war zum Sprechen zu zugeschnürt. Steve zu widerstehen war grundsätzlich immer eine Herausforderung, aber den sonst starken Mann so verletzlich zu sehen, ohne ihn berühren zu dürfen, war unerträglich.

„Ich hole die Teller.“

„Okay“, krächzte ich. Ich schluckte schwer und begab mich dann ins Esszimmer, während Steve in die Küche ging.

Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Ich konnte das hier. Ich konnte Steves Freund sein. Wir beide hatten mit Jesses Tod eine wichtige Person verloren, und wir beide vermissten Mike. Es gab keinen Grund, warum wir nicht füreinander da sein konnten. Ich war jetzt erwachsen, mir gehörte ein Laden. Ich war gereift und verantwortungsbewusst und völlig in der Lage, meine Libido im Zaum zu halten.

„Ist alles okay?“ Steves volle, tiefe Stimme klang ein wenig besorgt.

Ich schlug die Augen auf, ignorierte meine unkooperativene Libido und zwang ein Lächeln auf mein Gesicht. „Ja, super. Entschuldige. Ich habe … äh …“

„Taggeträumt?“ Steve grinste. „Das hast du schon immer getan.“

„Wirklich?“ Ich blinzelte überrascht.

„Mhm.“ Steve nickte, und legte dann die Teller und das Besteck auf den Tisch. „Ich erinnere mich, als Mike dich zum ersten Mal mitgebracht hat. Ständig hattest du diesen entrückten Blick, und wenn du bemerkt hast, dass wir dich dabei erwischt haben, dann war es dir peinlich und du wurdest rot.“

Hitze schoss in meine Wangen. Ich wusste genau, was Steve meinte und das waren keine Tagträumereien gewesen. Nun, vielleicht doch, aber sie waren sehr spezifisch gewesen und von der Art, die man allgemeinhin als Fantasien beschrieb, und es ging in ihnen immer um Steve.

Ich musste ein anderes Thema finden. „Soll ich das Essen schon mal anrichten?“

„Klar. Ich hole die Platzdeckchen.“ Steve trat an den alten Buffetschrank. „Zu schick?“, fragte er und hielt die Platzdeckchen und Stoffservietten hoch.

„Nein, das ist doch schön. Ich weiß schon gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal eine richtige Serviette benutzt habe.“ Ich öffnete die Tüte und tischte jedem von uns eine Portion auf den Teller. „Wahrscheinlich an Weihnachten, als meine Großmutter noch lebte.“ Das war immerhin drei Jahre her.

„Ich auch.“ Steve legte jeweils ein Platzdeckchen an die kurzen Enden des langen Holztisches und versuche, sie mit den Händen glattzustreichen. „Jesse hatte an den Feiertagen immer so viele Gäste, dass wir einfach Pappteller und Plastikgabeln benutzt haben. Ich habe diese Platzdeckchen hier vor mindestens fünf Jahren gekauft, aber ich glaube, wir haben sie nicht einmal benutzt.“

„Ich erinnere mich an diese Abende.“ An Thanksgiving, Weihnachten und Ostern war ich immer bei ihnen eingeladen gewesen. „Jesse war wirklich gut darin, uns heimatlosen Streunern einen Ort zu geben, an dem wir sein konnten.“

„Ja, das war er.“ Steve seufzte traurig. „Ich hole etwas zu trinken. Ich habe Kaffee, Milch, Wasser und Bier da. Wähle dein Gift.“

„Wasser reicht mir.“

Steve nickte kurz und verließ das Zimmer. Als er ein paar Minuten später zurückkehrte, hatte er in jeder Hand ein Glas Wasser und unter dem Arm eine Flasche Heineken.

„Stört dich doch nicht, wenn ich dabei ein Bier trinke, oder?“, fragte er und stellte mir mein Glas Wasser hin.

Er lehnte sich über meine Schulter, seine Körperwärme strahlte auf meinen Rücken und sein Atem strich meine Wange entlang. Wären wir nackt gewesen, dann hätte die Szene glatt aus einer meiner Fantasien stammen können.

„Nein, gar nicht“, krächzte ich. Ich biss mir auf die Lippe, hielt die Luft an und wartete darauf, dass Steve zu seinem Platz am anderen Tischende ging. Den ganzen Abend dieses kantige Gesicht und die kristallblauen Augen vor sich zu haben, ohne über den Tisch zu springen und Steve anzufallen, würde ohnehin ein Test der Selbstbeherrschung werden. Wenn ich dabei auch noch Steves Duft einatmete und nah genug an ihm blieb, um ihn zu berühren, würde ich vor lauter Verlangen wahrscheinlich ohnmächtig werden.

„Das Essen riecht toll.“ Steve setzte sich auf und nahm einen tiefen Atemzug. „Hast du das Knurren gehört?“ Er tätschelte seinen Bauch, während er zu seinem Stuhl ging. „Ich muss hungriger sein, als ich dachte.“

„Nein, äh, hab ich nicht gehört.“ Das Geräusch meines Herzschlags in meinen Ohren übertönte alles andere. „Aber ich hab jede Menge zu Essen mitgebracht.“

„Danke.“ Steve setzte sich, nahm das Besteck und krümmte die Brauen. „Du isst doch auch was, oder?“

Ich blickte auf meinen Teller und griff nach der Gabel. „Ja.“

„Gut.“ Er aß eine Gabel Krautsalat und setzte die Flasche Bier an den Mund. „Wenn ich reise, dann esse ich entweder alleine in meinem Hotelzimmer, oder auswärts mit einem Haufen Kunden, so dass ich mich die ganze Nacht benehmen muss. Was mir am Heimkommen immer mit am meisten gefallen hat, waren die gemütlichen Abendessen und lockeren Gespräche. Aber jetzt …“ Er atmete hörbar aus, schüttelte den Kopf und nahm noch einen Bissen. „Danke fürs Kommen, Tanner. Das war genau das, was ich gebraucht habe.“

In diesem Moment versprach ich mir, dass ich Steve auch am nächsten Abend eine Mahlzeit bringen würde. Und auch am Abend danach. Und am Abend danach auch. Ich konnte ihm nicht dabei helfen, seinen Verlust gutzumachen, aber für eine heiße Mahlzeit und etwas Gesellschaft konnte ich sorgen. Und ich würde schon einen Weg finden, Steve so wenig wie möglich anzustarren und anzusabbern.

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