Mein Glück in deinen Augen Excerpt

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Kapitel 1

 

Was ich an ihm mehr als alles andere hasste, war sein Lächeln. Niemand lächelte so oft und meinte es aufrichtig. Es ist falsch und aufgesetzt, und ich traue falschen Menschen nicht: Sie neigen dazu, Dinge zu verbergen. Korban Keller war durch und durch ein falscher Mensch.

Er war älter als ich. Nicht viel, nur ein paar Jahre. Da unsere Rudel in recht enger Nachbarschaft lebten, hatte ich ihn ein paar Mal gesehen, als wir noch Jungs waren.

Meine deutlichste Erinnerung aus jener Zeit waren seine Augen: Sie waren dunkelblau, wie der Ozean, wo er am tiefsten ist. Korban hatte die merkwürdige Angewohnheit, mir mit dem Blick zu folgen, und ich fragte mich, ob er mich angreifen wollte oder eher darauf wartete, dass er mich bei einem Fehler ertappen und vor allen anderen bloßstellen konnte. Was auch immer seine Gründe waren – er verwirrte mich, und wenn wir uns im gleichen Raum aufhielten, versuchte ich stets, mich auf irgendetwas anderes zu konzentrieren als auf Korban und seine Blicke.

Sein Vater war der Alpha des Miancarem-Rudels, das am Rand desselben Walds lebte wie mein eigenes, das Yafenack-Rudel. Doch während das Miancarem-Territorium am nördlichen Ende des Waldes begann und an eine Menschenstadt grenzte, lag unseres in seinem Herzen, an einer Seite begrenzt von einem kleinen Fluss, an der anderen von einem felsigen Bergmassiv. Jenseits des Flüsschens hatten die Menschen eine Schnellstraße gebaut, aber es gab keine Ausfahrt nahe unserer Stadt, sodass wir weiterhin abgelegen und in Sicherheit blieben.

Bereits mit acht Jahren verstand ich, dass ich eines Tages die Verantwortung für das Yafenack-Rudel tragen würde. Ich musste lernen, ein guter Alpha zu sein, weswegen ich kaum von der Seite meines Vaters wich. Korban würde ebenfalls eines Tages der Alpha seines Rudels sein, schien aber diesbezüglich keinerlei Pflichtgefühl zu besitzen.

Als ich meinen Vater das erste Mal auf ein rudelübergreifendes Treffen begleitete, kam Korban zielstrebig auf mich zu und sagte: »Hi.«

Sehr merkwürdig.

Nachdem ich eine Weile überlegt hatte, wie man dem Sohn des Miancarem-Alphas am besten antwortete und mehrere Optionen verwarf, entschied ich mich schließlich für: »Hallo.«

»Ich bin Korban Keller.« Er lächelte so breit, dass seine Nase sich ein wenig kräuselte. »Wie heißt du?«

Ich blickte zu meinem Vater empor, um zu sehen, ob er mir vielleicht bei der Bewältigung dieses unerwarteten Verhörs helfen konnte, aber er war ins Gespräch mit anderen Erwachsenen vertieft.

»Ich bin Samuel Goodwin«, sagte ich schließlich.

»Wie alt bist du, Sam?«

Ich hasste es, Sam genannt zu werden. Ich hasste es auch, wenn man mir Fragen stellte, ohne dass ich wusste, warum überhaupt. Und vor allem mochte ich es nicht, wenn Leute ihre Nase in meine Angelegenheiten steckten. Andererseits fürchtete ich, dass es als unhöflich gelten könnte, nicht zu antworten. Eines Tages würde ich mit diesem Jungen zusammenarbeiten müssen, denn ich würde Alpha meines Rudels sein und er Alpha des seinen, und mein Vater sagte immer, es sei wichtig, mit den Leuten gut auszukommen. Warum oder ob ich ihm da Recht gab, wusste ich nicht genau, aber er war ein kluger Mann, und ich gab mir Mühe, auf ihn zu hören. »Ich bin acht.«

»Cool. Ich bin elf.« Er grinste noch immer und sah mich weiter an.

Ich fragte mich, ob von mir noch irgendeine Aussage erwartet wurde oder ob wir endlich fertig waren und er weggehen würde, damit ich nicht länger nervös sein musste und mich auf die Unterhaltung meines Vaters konzentrieren konnte.

»Willst du spielen kommen, Sam?«

»Ich heiße Samuel!«, schnappte ich.

Seine Augen weiteten sich überrascht, aber das blieb die einzige Reaktion auf meine offensichtliche Verärgerung. »Willst du spielen kommen, Samuel?«

Ich musterte ihn von oben bis unten und versuchte, herauszufinden, was er bezweckte.

»Es gibt hinten einen Fußball.«

Ich starrte ihn an.

»Und der Hof ist ziemlich groß.«

Groß wie in groß genug, dass mich niemand hören würde, wenn ich verletzt wurde? Bedrohte er mich gerade?

»Aber falls du Fußball nicht magst - sie haben auch ein Damespiel.«

Warum sollte ich wohl keinen Fußball spielen können? In meiner Klasse war ich einer der stärksten Jungs. Ja, Korban war größer als ich, aber doch nur, weil er auch älter war.

»Wenn du Dame magst.« Er lächelte wieder, jedoch nicht so breit wie eben noch. Es wirkte irgendwie weicher. »Falls nein, ist das auch okay.«

Oh, jetzt war ich also weder stark genug für Fußball noch schlau genug für Dame. Was der Typ sich erlaubte!

»Wir könnten auch die Gestalt wechseln. Ich bin sicher, wir finden was Gutes zum Schnuppern, wenn wir in Wolfsgestalt sind.«

Das Gespräch bereitete mir Unbehagen. Er bereitete mir Unbehagen. Ich fühlte mich aus dem Gleichgewicht gebracht, verwirrt, und vermutlich war es genau das, was er wollte. Auf gar keinen Fall würde ich mit ihm weg von meinem Vater und den anderen Erwachsenen gehen. »Ich denke nicht, dass ich die Erlaubnis –«

»Lauf schon, Samuel«, sagte mein Vater.

Überrascht, dass er unser Gespräch verfolgt hatte, blickte ich auf.

»Ich bin sicher, du möchtest lieber draußen mit deinem neuen Freund spielen, als hier herumzustehen und ein paar langweiligen alten Knackern beim Reden zuzuhören.« Er zwinkerte mir zu, lächelte und fuhr mir durchs Haar. »Nun lauf schon.«

Ich grollte leise, nicht allzu glücklich über diese Entwicklung. Warum schickte mein Vater mich mit jemandem fort, bei dem ich mich unwohl fühlte? Wahrscheinlich sollte es eine Übung sein, gut mit anderen auszukommen. Schließlich redete er oft genug davon und fragte mich auch ständig, mit wem ich in der Schule so herumhing und warum ich nicht mal Freunde mit nach Hause brachte.

»Okay«, knurrte ich. »Wir können die Gestalt wandeln.«

Fußball war in Ordnung. Dame auch. Aber in meiner Wolfsgestalt war ich stärker, so war es immer gewesen. Als Wolf konnte ich meinen Instinkten leichter folgen und musste mich nicht ständig mit der Frage quälen, was ich in meiner menschlichen Form wohl sagen oder tun sollte. Beides wusste ich nämlich nie so genau.

»Klasse!« Korban packte meine Hand und zerrte mich in Richtung Tür. »Dann mal los.«

Schockiert darüber, dass er mich einfach so berührte, konnte ich ihm nur sprachlos folgen, während meine Gedanken rasten. Wölfe waren von Natur aus anschmiegsam, das wusste ich. Wenn in unserem Rudel die Gestalt gewechselt wurde, rollten Welpen oft ineinander verknäult über den Boden, und die Erwachsenen zwickten einander spielerisch. Aber das war etwas anderes. Sie waren Freunde oder Familienmitglieder. Und abgesehen davon machte ich bei solchen Spielen meist gar nicht mit.

Mein Vater sagte, dass Leute vor mir zurückscheuten, weil ich stark war und sie wussten, dass ich einmal Alpha werden würde. Er sagte auch, dass ich mich deshalb stattdessen bemühen müsse, auf sie zuzugehen, anstatt darauf zu warten, dass sie sich mir näherten. Offenbar begriff er nicht, dass ich nicht auf sie wartete – und zwar aus gutem Grund

Zunächst einmal: Wenn ich älter wurde, würde es meine Aufgabe sein, ein Auge auf jeden im Rudel zu haben und die Sicherheit aller zu garantieren. Ich hatte beschlossen, dass es hilfreich sein würde, diese Angewohnheit schon von Welpenpfoten an zu entwickeln, aber das wiederum konnte ich schlecht tun, wenn ich mich ins Getümmel stürzte und ablenken ließ. Manchmal bemerkte mein Vater, was ich da tat, und bestand darauf, dass ich eine Pause einlegte und mir etwas Spaß gönnte. Aber sogar dann interessierte es mich kaum, dumme Spiele mit aufgedrehten Wölfen zu spielen. Spaß hieß für mich, einfach frei zu rennen, den Wind in meinem Fell zu spüren und zu jagen.

Und trotzdem ließ ich mich gerade von einem Jungen, den ich nicht kannte, durch ein fremdes Haus zerren. Und zu allem Überfluss hielt er auch noch meine Hand, etwas, das normalerweise nur meine Mutter tat – und sogar bei ihr mochte ich es nicht. Doch obwohl ich wusste, dass ich mich hätte losreißen sollen, tat ich es nicht. Wenn ich später an diesen Moment zurückdachte, entschied ich, dass ich Korban für diese Berührung nur deshalb nicht in den Bauch geboxt hatte, weil sie so unerwartet gekommen war.

»Wollen wir um die Wette rennen?«, fragte Korban lebhaft, kaum dass wir nach draußen traten.

Ich antwortete nicht.

»Wir könnten auch ringen.« Er ließ meine Hand frei, packte sein T-Shirt und zog es sich über den Kopf. »Oder jagen. Hast du Hunger?« Er warf das T-Shirt zur Seite und schlüpfte aus seinen Schuhen. »Vielleicht gibt’s in der Nähe auch einen Fluss, und wir können schwimmen.« Mit einer einzigen Bewegung schlüpfte er aus Hose und Unterhose und ließ beide einfach liegen.

Während mein Hirn auf Hochtouren arbeitete, um all die Fragen zu erfassen und vor allem zu ergründen, was Korban mit jeder einzelnen sagen wollte, hatte ich nicht daran gedacht, mich selbst auszuziehen. Als Korban also schließlich unbekleidet und bereit zum Gestaltwandel war, stand ich schön blöd da. Sofort begriff ich, dass genau das die Absicht hinter seiner Litanei ablenkender Fragen gewesen war.

»Warum bist du noch angezogen?« Nachdem er sich sein T-Shirt über den Kopf gezogen hatte, war sein hellblondes Haar ganz zerzaust. »Hast du deine Meinung geändert und willst nicht mehr die Gestalt wandeln?« Er biss sich auf die Unterlippe. »Wir müssen auch nicht um die Wette laufen oder, äh, jagen. Wir können auch irgendwas anderes machen.«

Glaubte er etwa, nur weil er mich aus dem Konzept brachte, sodass er schneller ausgezogen war als ich, würde er mich auch bei einem Wettlauf in Wolfsgestalt besiegen können? Nein.

»Wettrennen ist okay«, stieß ich hervor. »Jagen auch.« Ich sah ihm direkt in die Augen. Das hatte mir mein Vater beigebracht. »Wir können beides machen.«

Anders als er ging ich sorgfältig mit meiner Kleidung um. Ich knöpfte mein Hemd vorsichtig auf und faltete es zusammen, bevor ich es auf einen kleinen Gartentisch legte. Dann band ich meine Schuhe auf, stellte sie unter den Tisch und stopfte meine Socken hinein. Zuletzt zog ich Unterhose und Hose aus, legte beide ordentlich zusammen und packte sie zu meinem T-Shirt. Korban hatte sich vielleicht schneller ausgezogen, aber ich machte es besser.

»Wir rennen zu den Bäumen«, sagte ich, um gleich klarzustellen, dass er hier nicht den Ton angab, nur weil er älter war. »Dann können wir etwas zu essen suchen.«

»Okay.«

Er lächelte nicht, also vermutete ich, dass ich mich klar genug ausgedrückt hatte. Das war gut. Trotzdem fühlte sich irgendetwas noch nicht ganz richtig an, aber das verflog erfreulicherweise rasch. Korban schüttelte hastig den Kopf, als sei er bereits in seiner Wolfsgestalt und schüttle Wassertropfen aus seinem Pelz. Dann grinste er wieder, drückte meine Schulter und sagte: »Dann los!«

Überraschenderweise wechselte er nicht mitten im Satz oder direkt nach dem Sprechen die Gestalt. Stattdessen sah er mich an, und erst, als ich in meiner Wolfsgestalt war, wandelte auch er. Angesichts seines blonden Haars war es keine Überraschung, dass ich im nächsten Moment neben einem reinweißen Wolf stand. Seine Augen waren noch immer vom gleichen Dunkelblau, und selbst jetzt schien noch der reine Schalk in ihnen zu funkeln, ein Lachen, das mir galt.

Ich grollte verärgert, stieß meine Schnauze gegen seine und sprang von der Terrasse. Ich würde dieses Wettrennen gewinnen, und dann würde ich schneller als Korban ein Tier aufspüren und erlegen. Mit diesem Entschluss tauchte ich in den Schatten der Bäume.

 

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